Pfarrer Deckert

Anfrage

Wenn Sie Fragen haben, können Sie sich gerne im Pfarrsekretariat melden. Wir helfen Ihnen gerne weiter!

Die Arbeitsgruppe „Pfarrer Deckert“

Den Anstoß zur Beschäftigung mit der Geschichte unserer Pfarre und dem Antisemitismus von Pfarrer Deckert gab ein Projekt im Zusammenhang mit der Akademie der bildenden Künste Wien, unterstützt vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung: Frau Karin Schneider, Historikerin an der Akademie der bildenden Künste, und Herr Tal Adler, Fotograf aus Tel Aviv, versuchten, mit Hilfe von Fotos von Orten und Ereignissen einen Prozess des Rückerinnerns einzuleiten, und dabei kamen sie auch auf unsere Pfarre. Es wurde nach Gesprächen im Pfarrgemeinderat mit den beiden Projektleiter·innen und einigen Interessierten der Pfarre eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich fast zwei Jahre lang ernst und ausführlich mit der Frage befasste: Was sind die Wurzeln des Antisemitismus? Was können wir zur Judenfeindlichkeit in der Kirche und auch zur Tätigkeit von Pfarrer Deckert sagen?

Antijudaismus gab es schon vor Christus in der Antike. Es folgte eine verhängnisvoll falsche Bibelinterpretation im christlichen Raum und ihre Weitergabe durch viele Christ·innen, Theolog·innen und Priester immer wieder durch die Jahrhunderte. Dazu kam die Behauptung, wie sie auch Pfarrer Deckert heftig vertrat, die jüdische Rasse sei minderwertig; das Schicksal der Juden, fanden manche, sei sogar Strafe Gottes dafür, dass sie den Glauben an Jesus nicht angenommen hätten. Die Aktivitäten von Pfarrer Deckert, verbunden mit dem Antisemitismus in Wien, trugen zu dem Grundklima bei, in dem einige Jahrzehnte später die Schoah möglich wurde.

In dieser Zeit der Projektarbeit gab es in unserer Pfarre einige „Konzilsabende“, und es wurde klar: Mit dem 2. Vatikanischen Konzil hat die Kirche ihr Verhältnis zu den Juden neu angeschaut, die Fehler der Geschichte bereut und einen neuen Boden für die Zukunft geschaffen. Wir haben die Verpflichtung erkannt, den Konzilsaussagen und den Worten der Päpste seit dem Konzil Gehör zu verschaffen. Um das Verständnis für das jüdische Volk zu verbessern, besuchten Projektteilnehmer·innen verschiedene Veranstaltungen, z.B. des Vereins „Steine der Erinnerung“, Ausstellungen und Gedenkfeiern, z.B. für die zerstörte Währinger Synagoge. Beispiele des Erinnerns aus dem 18. Bezirk und anderen Orten wurden studiert, um zur notwendigen Klarheit und Eindeutigkeit der Aussagen auf der geplanten Gedenktafel zu finden.

Während der ganzen Zeit der Projektarbeit begleiteten uns Frau Schneider und Herr Adler, auch emotional hineingezogen, mit sehr vielen Anregungen und der Einladung zu ihren Ausstellungen, um zu sehen, wie andere Gruppen mit den verdrängten Teilen ihrer Geschichte umgehen. Den beiden gilt unser besonderer Dank!

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Foto: Tal Adler

Pfarrer Deckert im Originalwortlaut

Der amerikanische Historiker John W. Boyer fasst die Grundeinstellung von Pfarrer Deckert in seiner Biographie über Dr. Karl Lueger so zusammen: „Deckert (von 1874 bis 1901 Pfarrer von Weinhaus) zeigte sich überzeugt, dass die Juden den Untergang des Staates verursacht hatten, in dem die christliche Kultur an oberster Stelle gestanden war. Die ‚Judenherrschaft‘ habe das innerste Wesen des österreichischen Staates verändert, indem sie ihn zwang, seine christlichen Ursprünge und seine christliche Ethik zu verleugnen. Die Gesellschaft sei jetzt ein ‚kranker Körper‘ geworden.“

Drei Zitate dazu aus J. Deckert: „Türkennoth und Judenherrschaft“, 1894 – drei Conferenzreden:

  1. „Der einen Gefahr sind wir entgangen, aber in einer anderen, noch größeren Gefahr befinden wir uns, ein anderes weit schmählicheres Joch als das Türkenjoch lastet auf uns, und es bedarf wieder des gemeinsamen Gebetes und der vereinigten Kräfte aller Christen, dies Joch abzuschütteln.“
  2. „Die Emancipation der Juden, d.h. ihre vollständige Gleichberechtigung, ihre politische Gleichstellung mit den Christen, ist, so unglaublich dies klingen mag, der Grund der schmählichen Knechtschaft, unter welcher wir jetzt stehen. Es ist also der Staat und seine Gesetzgebung nicht mehr christlich, der christliche Staat hat vor dem Judenthume capitulirt.“
  3. „Der Tag, an welchem verfassungsmäßig die Remancipation der Juden (d.h. die Rücknahme der gesetzlichen Gleichberechtigung) ausgesprochen werden wird, wird ein Tag des Sieges des Christenthums sein, ebenso glorreich wie einst der 12. Sept. 1683. Die christlichen Völker werden wieder aufathmen, die Sclavenfesseln werden fallen, das schmähliche Joch wird gebrochensein. Heil dem Staate, der dies zuerst zu Stande bringt!“

Zwei Zitate aus J. Deckert: „Die ältesten und gefährlichsten Feinde des Christenthums und christlichen Volkes“, 1895:

  1. „Sie sind geblieben, was sie waren: ein uns unsympathisches, christlichen Glauben und christliche Sitten zersetzendes Element, anders geartet als wir Arier.“
  2. „Bei gläubigen Christen steht fest, daß das Volk der Juden durch die Verwerfung ihres Messias von Gott verworfen wurde, und daß dieses gottesmörderische Geschlecht zur Strafe für die Frevel seiner Vorfahren heimat- und ruhelos auf Erden herumirren muß. Ihre Auserwählung ist überflüssig geworden.“

1893 beantwortet Pfarrer Deckert die Frage, ob ein Priester Antisemit sein dürfte, „mit voller Überzeugung: Ja, er kann es, er soll es sein und, wenn er es noch nicht ist, soll und muss er es werden.“

Wie wurde das Wirken von Pfarrer Deckert in seiner Zeit dokumentiert?

Michael Wladika zitiert in seinem 675 Seiten starken Buch „Hitlers Vätergeneration – die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k. u. k. Monarchie“ (Wien 2005) einen Wiener Polizeibericht:

»Die Zahl der Priester ist keine geringe, die sich in den Dienst der antisemitischen Agitation gestellt haben.“ Gleichzeitig mit der Bekanntgabe, veranlaßt zu haben, „die Tätigkeit des Klerus einer unauffälligen Überwachung zu unterstellen“, hob Stejskal [der damalige Wiener Polizeipräsident] gleich einige der „leuchtendsten Beispiele“ hervor: den „Veteranen“ des politischen Katholizismus im journalistischen Bereich, Dechant Albert Wiesinger von St. Peter, „genügsam durch seine Hetzreden bekannt“; Pfarrer Joseph Deckert von Währing-Weinhaus, die „Seele der antisemitischen Agitation“; Kooperator Karl Dittrich vom 2. Bezirk; Franz Stauracz, den Spiritualdirektor der „Klosterfrauen vom Guten Hirten“ im 5. Bezirk, Einsiedlergasse 1, ein späterer führender Christlichsozialer; Franz Schnabl, Kooperator zu St. Othmar im 3. Bezirk, und Adam Latschka, den an der Votivkirche als Kooperator tätigen Mitbegründer der christlichsozialen Partei.«

Wie Deckert den Bau der Kirche St. Josef mit dem Gedenken an die Türkenbefreiung und seinem Antisemitismus verbindet

In einer seiner „Conferenzreden”, gehalten am 8. September 1893 in der St. Josefs-Kirche, sagte Pfarrer Deckert:

„Wir befinden uns in einem Gotteshause, das zum Andenken an eine für Wien und die ganze abendländische Christenheit überaus wichtige Begebenheit erbaut wurde, zum Andenken an die glorreiche Befreiung Wiens aus der Türkennoth des Jahres 1683. (…)

Vor 10 Jahren feierte die Stadt Wien das 200-jährige Jubiläum ihrer Befreiung aus der Türkennoth; aber nicht wie es in anderen Städten wohl geschehen wäre, mit außerordentlichen Festlichkeiten, etwa mit einem historischen Festzuge, der ganz geeignet gewesen wäre, der Wiener Bevölkerung die Bedeutung des Sieges von 1683 recht lebendig vor Augen zu führen. Warum nicht?

Weil ein kleiner Theil der Wiener Bürger, die aber damals einen maßgebenden Einfluß auszuüben in der Lage waren, nicht mitthun wollte. Natürlich. Ihre Vorfahren waren bei jener Heldentat nicht beteiligt, sie wurden damals nicht geduldet, standen sogar mit den Feinden des Landes in Verbindung und noch später waren es (…) gerade die Juden, welche bei der Belagerung Ofens durch die christlichen Heere den hartnäckigsten Widerstand leisteten. Unsere nichtchristlichen Mitbürger hatten also freilich keine Veranlassung, das christliche Fest mitzufeiern; es war ihnen sogar sehr unangenehm und so kam es, daß das Jubiläum ziemlich still vorüberging.“

„Der einen Gefahr sind wir entgangen, aber in einer anderen, noch größeren Gefahr befinden wir uns, ein anderes weit schmählicheres Joch als das Türkenjoch lastet auf uns und es bedarf wieder des gemeinsamen Gebetes und der vereinigten Kräfte aller Christen, dies Joch abzuschütteln.“

Als Festredner zum Fest der Kirchweihe 1889 hatte Deckert den deutschen Jesuitenpater Max von Klinkowström gebeten, der diesen Gedanken nochmals öffentlich betonte. Er sagte in seiner Ansprache:

„Allerdings sind es nicht mehr die Türken, auf deren feindliche Bewegungen wir zu schauen haben, (…) es sind andere Feinde, auf deren Bestrebungen sich die Blicke richten müßten. (…)

Es sind Feinde, die in Maulwurfsarbeit die Fundamente des Christenthums unterwühlen; die Völker zu entchristlichen streben, dadurch daß sie die Ehe und Schule und dadurch die Familie des christlichen Charakters entkleiden; Feinde, die den materiellen Wohlstand der Völker vampyrartig aussaugen; nach der Weltherrschaft streben und denen wegen Mangel an Wachsamkeit ein gutes Stück Arbeit gelungen ist.“1

1 Zitate aus: https://www.oeaw.ac.at/en/tuerkengedaechtnis/denkmaeler/ort/st-josephs-votivkirche-zu-weinhaus

Nostra Aetate – ein Kompromisswerk und doch ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung

„Nostra Aetate“, die Erklärung des 2. Vatikanischen Konzils zum Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, wird trotz des knappen Textes zu den bedeutendsten und wirkungsmächtigsten Texten gezählt. Papst Johannes XXIII. wollte damit das Verhältnis zwischen Juden und Christen, besonders nach den Gräueltaten des 2. Weltkriegs, verbessern. So änderte er nicht nur die Karfreitagsfürbitte“2 und ließ judenfeindliche Äußerungen aus den liturgischen Büchern streichen, sondern beauftragte auch die Erstellung eines Schemas gegen den Antisemitismus, das jedoch aufgrund zahlreicher Einwände von unterschiedlichen Seiten abgelehnt wurde. Ein überarbeiteter Text, in dem neben den Erklärungen zum Judentum, die noch immer den größten Teil des Textes einnehmen, auch die großen nichtchristlichen Religionen Hinduismus, Buddhismus und Islam behandelt werden, wurde schließlich angenommen und am 28. Oktober 1965 verkündet.

Der Text möchte nicht missionieren. Er nimmt die Pluralität der Religionen wahr, betont die Aufgabe der Kirche, die „Einheit und Liebe unter den Menschen“ zu fördern, charakterisiert die einzelnen Religionen kurz und schließt mit einem Appell an die Geschwisterlichkeit und einer Verurteilung jeglicher Diskriminierung.

Artikel 4, der das Judentum behandelt, betont die bleibende Erwählung Israels, die Wurzeln der Kirche im Volk Israel, das Jude-Sein von Jesus und den Aposteln, die gegenseitige Kenntnis und Achtung und die Notwendigkeit, den Vorwurf des Gottesmordes zurückzuweisen. Ebenso wird jegliche Verfolgung von Menschen, besonders aus religiösen Gründen, beklagt. Hier wird der Antisemitismus namentlich genannt.

Es ist heute nur mehr schwer vorstellbar, wie schwierig es war, diese totale Kehrtwende der Kirche in ihrem Verhältnis zum Judentum in den Konzilsdokumenten unterzubringen und damit die Verkündigung der Kirche in Bezug auf die Juden fast auf den Kopf zu stellen – auch wenn es wünschenswert wäre, dass die Formulierungen klarer wären und dass es ein eigenes Dokument gegeben hätte, da es sich beim Judentum um den „Ursprungsort“ des Christentums handelt. Es darf nicht vergessen werden, dass diese Erklärung bis heute einzigartig ist und Türen der Begegnung und des Dialoges geöffnet hat, die auch von den folgenden Päpsten genutzt wurden und auch heute noch werden.3

2 In der früheren Version betete man für „die treulosen Juden“, die verblendet seien und trotzdem nicht aus Gottes Erbarmung ausgeschlossen sein würden. Die neue Version verändert diese Fürbitte stark, denn nun wird der Bund, der zuerst mit den Juden geschlossen wurde, die zuerst erwählt waren, die Treue und Liebe Gottes zu den Juden betont.

3 Vgl. dazu auch: Otto Hermann Pesch: Perfidi Judaei?, in: Pesch: Das Zweite Vatikanische Konzil. Vorgeschichte – Verlauf – Ergebnisse – Wirkungsgeschichte; Karl Rahner u.a.: Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils; Johann Figl u.a.: Nostra Aetate – Grundsatzerklärung über die Beziehung der Kirche zu den Religionen, in: Jan-Heiner Tück (Hg): Erinnerung an die Zukunft. Das Zweite Vatikanische Konzil.

Umkehr in der Kirche: Das neue Verständnis der Kirche in ihrem Verhältnis zum Judentum

Das 2. Vatikanische Konzil, das auch auf den Tafeln der Besinnung an der Weinhauser Kirche zitiert wird, brachte eine Wendung im Verhältnis der Kirche zum Judentum:

Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, dass sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schösslinge eingepfropft sind…

Ein Gebet, das der Überlieferung nach von Johannes XXIII. stammt, drückt aus, was ihn bewegte und die Kirche bis heute bewegt:

Wir sind uns heute bewusst, dass viele Jahrhunderte der Blindheit uns die Augen verhüllt haben, so dass wir die Schönheit deines auserwählten Volkes nicht mehr zu sehen und in ihren Gesichtern die Züge unserer bevorzugten Brüder nicht mehr zu erkennen vermochten.

Wir verstehen, dass uns ein Kainsmal auf die Stirne geschrieben wurde. Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel in dem Blut gelegen, das wir vergossen, oder er hat die Tränen geweint, die wir verursacht haben, weil wir deine Liebe vergaßen.

Vergib uns den Fluch, den wir zu Unrecht an ihren Namen JUDE hefteten. Vergib uns, dass wir dich in ihrem Fleisch zum zweiten Mal ans Kreuz schlugen. Denn wir wussten nicht, was wir taten.

Auf evangelischer Seite fasste u.a. die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland 1980 einen Beschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden. Darin heißt es u.a.:

Wir glauben die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes als Gottes Volk und erkennen, dass die Kirche durch Jesus Christus in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen ist.

Und Papst Johannes Paul II. mahnte in seinem Schreiben „Ecclesia in Europa“: (…) dass sich jede kirchliche Gemeinschaft, soweit es die Umstände erlauben, in den Dialog und die Zusammenarbeit mit den Gläubigen der jüdischen Religion einüben muss. Dieses Sich-Einüben in den Dialog führt unter anderem dazu, dass »man sich daran erinnert, welchen Anteil die Söhne der Kirche an der Entstehung und Verbreitung einer antisemitischen Haltung in der Geschichte haben mochten, und dafür Gott um Vergebung bittet und auf jede Weise Begegnungen der Versöhnung und Freundschaft mit den Söhnen und Töchtern Israels fördert«.

Eine Tradition der Versöhnung beginnen

Die Pfarre Wien-Weinhaus setzt ein Zeichen gegen die antisemitische Geschichte in ihrer Gemeinde

Bericht von Markus Himmelbauer4

Ein Christ kann kein Antisemit sein, das ist heute klarer Bekenntnissatz aller Kirchen. 1893 antwortet der damalige Pfarrer von Wien-Weinhaus, Joseph Deckert, auf die Frage, ob ein Priester Antisemit sein dürfe, „mit voller Überzeugung: Ja, er kann es, er soll es sein und, wenn er es noch nicht ist, soll und muss er es werden.“

„Im Jahre des Glaubens 2013 hat uns Papst Benedikt nahegelegt, die Texte des Konzils zu studieren“, erzählt Peter Zitta, heute Pfarrer von Wien-Weinhaus. „Wir haben daraufhin Nostra Aetate mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen.“ Darin „beklagt die Kirche … alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben.“

Langer Lernprozess

„Für die Kirche ist Pfarrer Deckert eine Schande“, formulierte der Judaist Kurt Schubert schon vor Jahrzehnten. So wie er bemühte sich in den 1980er Jahren Hans Kothbauer um eine Namensänderung des Platzes vor der Kirche. 1990 wurden die amtlichen Tafeln „Pfarrer-Deckert-Platz“ – eine sichtbare Würdigung – entfernt. Tal Adler und Karin Schneider sind 2012 im Rahmen eines Kunst- und Erinnerungsprojekts im Rahmen der Akademie der bildenden Künste an die Pfarre Weinhaus herangetreten und haben gefragt, wie es um die Erinnerungstradition an den Erbauer der St.-Josephs-Votivkirche steht. Mündlich erzählte Geschichte – Oral History – werde dort interessant, wo man beginne, sich mit der eigenen Erinnerungsgeschichte zu beschäftigen und nicht Zeitzeugen „als schlechter funktionierendes Archiv“ verstehe, erzählte die Historikerin Schneider dem Standard. Interessant sei die Perspektive, die in der Gegenwart auf Historie geworfen werde: „Geschichte ist etwas, was hier und heute passiert. Sie ist eine Konstruktion.“

Für die Notwendigkeit, heute Geschichte zu schreiben, argumentierte auch der aktuelle Pfarrer von Weinhaus, Peter Zitta, anlässlich der Besinnungsstunde zur Enthüllung der Gedenktafeln: „Die Fragen, die Pfarrer Deckert in unserer Gemeinde aufgeworfen hat, sind unbeantwortet. Wer könnte ihm antworten, wenn nicht wir?“ In den vergangenen zwei Jahren setzte sich ein Studierkreis der Pfarre Weinhaus gemeinsam mit der Historikerin und dem Künstler in der Folge regelmäßig zusammen und beschäftigte sich mit unterschiedlichsten Aspekten des Wirkens von Pfarrer Deckert, mit dem antisemitischen Ungeist jener Zeit, aber auch mit Gegenstimmen und der neuen Haltung der Kirchen zum Judentum seit der Schoah. Zum 125-Jahr-Jubiläum der Errichtung der Kirche wuchs die Erkenntnis, das Jubiläum dieser Kirche nicht feiern zu können, ohne sich mit deren Erbauer auseinanderzusetzen, einem der einflussreichsten kirchlichen Propagandisten des Antisemitismus und der Judenfeindschaft. Deckert sah die Juden als größte Gefahr für die Stadt Wien und den christlichen Glauben seit der Türkenbelagerung 1683. Bewegt und betroffen stellte Pfarrer Zitta fest: Die Synagoge in Währing, nur wenige Gassen weiter, wurde im selben Jahr wie die Kirche eingeweiht: „Während unsere Kirche hier noch steht, wurde die Synagoge in der Reichs-Pogromnacht zerstört.”

Den Ungeist vertreiben

Der jüdische Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Willy Weisz, ergriff das Wort auch als Bewohner der Nachbarschaft der Weinhauser Kirche. Um den judenfeindlichen Ungeist auszutreiben, müsse man diesen beim Namen nennen, so Weisz. „Sie, die Gemeinde Weinhaus, muss dem Antisemitismus absagen. Dies können wir Juden nicht für Sie tun. Aber wir können Ihnen dabei helfen.“ Als Aspekte des antisemitischen Ungeistes nannte Weisz insbesondere die Herabwürdigung von Juden und Missachtung ihrer Wertegemeinschaft und ihrer Riten, die Verteufelung des Talmuds und den Ritualmordvorwurf. Deckert setzte sich für eine Rücknahme der Errungenschaften der bürgerlichen Gleichstellung für Juden ein und interpretierte das jüdische Gebet als Verzweiflungshandlung eines von Gott verworfenen Volkes. Diese Verachtung des Judentums sei ohne jede Sachkenntnis geschehen, denn etwa in den sieben noachidischen Geboten spreche die jüdische Tradition anderen Religionen einen Heilsweg zu, der dem Jüdischen ebenbürtig sei, erinnerte Weisz.

Ein geschändetes Gotteshaus

Für den Präsidenten des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Martin Jäggle, einem Nachfolger Kurt Schuberts in dieser Funktion, trug die Gedenkstunde am 24. April zur Reinigung des Gedächtnisses bei.: „Angesichts der Verdienste von Pfarrer Deckert um Kirchenbau und Seelsorge wird sein antisemitisches Engagement nicht mehr als zeitbedingt verharmlost, sondern benannt als Beitrag am Weg, der zur Schoah führt.“ In seiner Ansprache problematisierte Jäggle den Begriff „Kirchenschändung“: „Als Kirchenschändung gilt die Entweihung einer Kirche durch mutwilliges Zerstören von Gegenständen oder durch unsittliche Handlungen in ihr. In dieser Kirche fanden zahlreiche, gut dokumentierte antisemitische Propagandaveranstaltungen statt. Zerstörungen im Kirchengebäude sind keine sichtbar geworden, aber waren das keine unsittlichen Handlungen? Die zerstörerischen Wirkungen dieser Veranstaltungen konnten ein paar Jahrzehnte später von allen erkannt werden. Der Antisemitismus gilt als Sünde gegen Gott und die Menschlichkeit, ja gegen die Menschheit. Muss man da nicht sagen, dass diese Kirche jahrelang entweiht worden ist, wenn mit Gott gegen Juden gehetzt worden ist? Die Opfer waren Juden, und das Evangelium blieb auf der Strecke, das zu verkünden und zu feiern eine Kirche dient.“

Der „ungekündigte Bund“ als Fundament christlicher Haltung zum Judentum

Die Gedenktafel, die an der Außenseite der Weinhauser Kirche enthüllt wurde, setzt sich aus fünf Teilen zusammen: zwei biblischen Zitaten über die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes, zwei programmatischen Sätzen des kirchlichen Lehramts und einer Erklärung des Pfarrgemeinderats. In dieser heißt es über die antisemitische Agitation des Erbauers der Pfarrkirche:

„Der verhängnisvolle Einfluss dieser Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus einerseits und die Leugnung des bleibenden Bundes Gottes mit dem Volk Israel andererseits machen uns betroffen. Deshalb lassen wir uns von der Umkehr der Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil leiten und möchten als Pfarrgemeinde zur Versöhnung zwischen Juden und Christen beitragen.“

Die Gedenktafel sein kein Schlussstrich unter eine lästige Debatte, betont Pfarrer Zitta: „Es ist eine Etappe auf dem Weg der christlich-jüdischen Erneuerung, auf dem wir noch weit zu gehen haben.“

Die Enthüllung der Besinnungstafel erfolgte am 24. April 2014, eine Woche vor dem festlichen 125-Jahr-Jubiläum der Kircheneinweihung.

4 Aus: Vom Antisemitismus von Pfarrer Deckert und seiner Zeit zum 2. Vatikanischen Konzil. Reden und Texte von der Besinnungsstunde 125 Jahre Kirche St. Josef – Weinhaus mit Enthüllung der Tafelkomposition am 24. April 2014. Für den Inhalt verantwortlich: Pfarrer Peter Zitta. Wien 2014. Eigenverlag der Pfarre Weinhaus. – Der Bericht wurde aus 2014 unverändert übernommen, sodass die damaligen Begriffe (insbesondere „Pfarre Weinhaus“, „Pfarrgemeinderat“, „[aktueller] Pfarrer Peter Zitta“) weiter aufscheinen.

Tafelkomposition an der Kirche St. Josef – Weinhaus


Erklärung des Pfarrgemeinderats

Diese Kirche wurde unter Pfarrer Dr. Joseph Deckert (1843–1901) erbaut und im Jahr 1889 geweiht. Pfarrer Deckert war ein sehr engagierter Seelsorger, jedoch verbreitete er von hier aus als kirchliche Autorität in Predigten und Schriften Verleumdungen über Juden und das Judentum. So trug er mit anderen zu einer Verschärfung des Antisemitismus bei.

Der verhängnisvolle Einfluss dieser Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus einerseits und die Leugnung des bleibenden Bundes Gottes mit dem Volk Israel andererseits machen uns betroffen. Deshalb lassen wir uns von der Umkehr der Kirche im 2. Vatikanischen Konzil leiten und möchten als Pfarrgemeinde zur Vesöhnung zwischen Juden und Christen beitragen.

Zum 125-jährigen Jubiläum der Weihe dieser Kirche, 2014